A Fond Heart ist eine szenisch-musikalische Collage über die Liebe zwischen zwei Menschen und ihre bitteren und süssen Begleiterscheinungen, überwiegend aus der Perspektive einer Frau erzählt, die szenisch von einer Sängerin dargestellt wird. Die Musik vereint ein romantisches Werk von Robert Schumann, eine zeitgenössische Antwort darauf von Cheryl Frances-Hoad sowie Folksongs von Anaïs Mitchell und Josh Ritter.

Ausgangspunkt ist Robert Schumanns Liederzyklus Frauenliebe und -leben (1841), in dem eine Liebesgeschichte vom Moment der ersten Begegnung bis zum Tod des Geliebten erzählt wird. Dieses berühmte und beliebte Werk, dessen Erzählperspektive stark in seiner Zeit verwurzelt ist, wird durch Stücke einer zeitgenössischen Komponistin und von zwei Folk-Singer/SongwriterInnen ergänzt und manchmal kontrastiert.

Inszenierung: Die lose Handlung wird anhand von vier Lebens- und Liebesstufen erzählt, die durch drei Tische auf der Bühne veranschaulicht werden. Der vierte Tisch ist auch der erste, wodurch sich der Kreis des Lebens schliesst, parallel zum ähnlichen Vorgang in Schumanns Zyklus, wo die ganze Musik des ersten Lieds am Schluss des letzten Lieds ohne Worte vom Klavier neu und doch angesichts der Erfahrungen dazwischen ganz anders erklingt. Bei Schumann steht das für die Verinnerlichung der ganzen im Zyklus vergangenen Autobiografie der Protagonistin. Es ist eine idealisierte und verherrlichte Wiederkehr zu den Anfängen der Geschichte, jedoch bei vollem und schmerzvollem Bewusstsein, dass diese nicht in der Realität stattfindet sondern eher als Zuflucht der Erzählerin in die Erinnerung und die Fantasie (“Ich zieh mich in mein Innerstes still zurück”) erlebt wird. In unserem Programm bilden erstes und letztes Lied aus Schumanns Zyklus ebenfalls den Rahmen des szenisch-musikalischen Ablaufs.

Die drei szenischen Punkte, die drei Tische also, stehen für folgende drei Stationen des Lebens der Protagonistin:

  1. Aufkeimende, naive Verliebtheit und Erfüllung in der Gegenliebe
  2. Innige Zweisamkeit
  3. Konsequenzen der Liebe bzw. Dreisamkeit bzw. Fortpflanzung

Die vierte Lebensstufe (zurück am ersten Tisch) ist der Zustand nach dem Tod des Geliebten, dem Ende der Liebesgeschichte, und bildet gleichsam sinnbildlich die Gewissheit des eigenen Todes.

Drei verschiedene Musikstile veranschaulichen akustisch die drei optischen Lebensstationen auf der Bühne. Im Programm werden sie jedoch verschachtelt und miteinander verwoben.

  1. Robert Schumanns Frauenliebe und -leben (1841). Merkmale dieses Werkes sind eine Romantische Tonsprache, die eine eigene Note erhält unter anderem durch einige Anspielungen auf die klassische Literatur sowie durch die “traditionelle” Sicht auf die Geschlechterrollen (eine Genderisierung, die übrigens auch im musikalischen Material nachweisbar ist). Das äusserst stringente formelle Konzept der Komposition ist auffallend geprägt durch kreisförmige motivische Bewegungen, sowohl in den Einzelheiten des musikalischen Stoffes als auch im grossen tonalen und strukturellen Entwurf. Das Werk wurde von zwei Männern konzipiert und geschrieben, dem Dichter Adalbert von Chamisso und der Komponist Robert Schumann.
  2. Cheryl Frances-Hoads One Life Stand (2011). Klanglich ist das Werk nicht weit von der Welt von Chamisso/Schumann entfernt: es ist für weibliche Stimme und Klavier, und die erweiterte tonale Harmonik unter Anwendung von drei- und vierklängigen Akkorden ist klar in die Nähe der zentraleuropäischen Tonsprache des neunzehnten Jahrhunderts anzusiedeln. Jedoch grenzt es sich sonst vom früheren Anti-Vorbild klar ab, dadurch dass die literarische Sprache eher die Poesie des Alltags oder der gemeinen Erfahrung bedient und bewusst das bildungsbürgerlich Philosophierende vermeidet. Ausserdem wurde das Werk von zwei Frauen geschrieben: der Dichterin Sophie Hannah und der Komponistin Cheryl Frances-Hoad. Die Sicht auf die Liebesbeziehung ist für unsere Ohren zeitgemäss, die Enttäuschungen, Bitterkeiten und Ambivalenzen bezüglich Liebesfragen wirken uns bekannt und glaubwürdig – dies ein starker Gegensatz zu Chamisso.
  3. Amerikanische Folkmusik. Folksongs bilden einen weiteren Kontrast: Texte und Musik stammen von einer Frau (Anaïs Mitchell) und einem Mann (Josh Ritter). Diese Musik beleuchtet die Thematik auf ganz andere Art und Weise, durch die andere Besetzung (Stimme und Gitarre) und dadurch, dass die Texte ein viel intimeres Verhältnis zur Musik haben, denn sie wurden vom gleichen Autoren bzw der gleichen Autorin geschrieben. Folksongs leben traditionellerweise von der persönlichen Erzählperspektive der Interpretierenden, selbst wenn sie die Form eines Rollenspiels wählen und sich um gesellschaftliche Verhältnisse drehen. Die hier ausgewählten Songs nehmen sich aber durchwegs privaten Verhältnissen an: Gedanken beim Aufwachen nebeneinander etwa bei Anaïs Mitchell, oder das Geständnis, dass er die Geliebte bei aller Nähe immer noch nicht recht versteht bei Josh Ritter.

Ein weiterer Raum wird geöffnet dadurch, dass die Songs aus Männerpespektive hier auch von einem Sänger (Christoph Trummer) interpretiert werden.

Diese verschiedenen Perspektiven und musikalischen Welten treten in unserer Inszenierung in Beziehung zueinander. Es gibt viele assoziative Anklänge zwischen den emotionalen und poetischen Inhalten von Chamisso, Hannah, Mitchell und Ritter. Als Beispiel etwa Mitchells Text im Song “Now you know”, der viele Parallelen mit Chamissos “Süsser Freund” hat: “You want to know why I’m crying? Now you know“, singt sie, während Schumann folgende Zeile vertont hat: “Weißt du nun die Tränen, die ich weinen kann“. Oder “You don’t make it easy, babe” von Josh Ritter das in der Härte der Sprache und in der Frustration und Hoffnungslosigkeit des Protagonisten Bezüge zu “Nun hast du mir den ersten Schmerz getan” aufweist.

Ganz explizit ist der Bezug des ganzen Werkes von Cheryl Frances-Hoad zu Frauenliebe und -leben. Das Werk wurde 2011 von den beiden Autorinnen ausdrücklich als musikalisch und inhaltlich zeitgenössische Antwort auf und Gegensicht zum früheren Zyklus konzipiert und komponiert.

Durch diese verschiedenen Dreierkonstellationen (dazu gehört auch die Präsenz auf der Bühne von zwei Männern und einer Frau) versuchen wir das gängige Binäre in der Liebesdarstellung in Kunst und Literatur etwas aufzumischen.

Zu den Begegnungen zwischen Liebenden in der Musik kommen die Begegnung zwischen Musikstilen und die Begegnung von Erzählperspektiven über die Liebe, ihren Stellenwert in der eigenen Lebensgeschichte sowie über Geschlechterbilder und wie sich all diese Perspektiven in der Zeit seit Schumann gewandelt haben.

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